October 08, 2006

Wir haben ein Problem

Ich bin ja schon seit langem der Meinung, daß wir in Deutschland ein Bildungsproblem haben. Damit meine ich nicht nur organisatorische Probleme wie leere Kassen, überfüllte Klassen, Lehrermangel und so weiter. Ich meine vor allem unsere Einstellung zur Bildung und den Anspruch und die Art der Bildung, die in den Schulen (und nicht nur dort) vermittelt wird. Welchen Stellenwert Bildung in Deutschland hat, kann man doch an allen Ecken ablesen: Zum Beispiel an der immer mehr auf Emotionen ausgerichteten Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms (von 15 Minuten Nachrichten kommt 7 Minuten irgendwas vom Papst o.ä., 3 Minuten Kurznachrichten, dann 3 Minuten Fussball, der Rest Wetter und Lottozahlen). Oder wenn man einfach nur einen Platz sucht, an dem man in Ruhe arbeiten kann, auch in Unibibliothek keinen findet und sich wie ein Aussätziger fühlt, weil man lesen will. Wer Rasen mäht (arbeitet) kann weitermachen, wer liest (anstatt arbeitet) der soll sehen wo er bleibt. Wenn man einen Blick in die Zeitung riskiert, mit der sein Sitznachbar in der Bahn sich gerade weiterBILDet (POLIZEI FAHNDET NACH DIESEM BUSEN!). Oder auch wenn man die öffentliche Meinung über Studenten mit anhören muß (stehen morgens um 14:00 auf, usw. ...). Was ich an der Uni erlebt habe, war viel Stress und schwere Arbeit. Ja, und was wir unter Bildung verstehen: nicht das sture Aneignen von nutzlosem Wissen sondern der Erwerb der Fähigkeit zum Denken in Strukturen, zum Einordnen von Fakten, das Verstehen von Zusammenhängen, -- bis hin zum Übernehmen von Verantwortung. Vielleicht liegt mir das Thema deshalb besonders am Herzen, weil ich mein Abitur erst mit 26 nachgeholt habe und dabei selbst erfahren habe, wie enorm Bildung die eigene Wahrnehmung und die Rolle, die man in der Gesellschaft einnimmt, verändert. Letzte Woche habe ich in einem Interview mit Prof. Gunter Dueck in der Computer-Zeitung ein Statement gelesen, das mir genau aus der Seele spricht. Ich zitiere diesen Ausschnitt hier:
[Dueck liest aus einem Brockhaus Lexikon von 1960 vor] „Gebildet ist nicht, wer nur Kenntnisse besitzt und Praktiken beherrscht, sondern wer durch sein Wissen und Können teilhat am geistigen Leben; wer das Wertvolle erfasst, wer Sinn hat für Würde des Menschen, wer Takt, Anstand, Ehrfurcht, Verständnis, Aufgeschlossenheit, Geschmack und Urteil erworben hat. Gebildet ist in einem Lebenskreis, wer den wertvollen Inhalt des dort überlieferten oder zugänglichen Geistes in eine persönlich verfügbare Form gebracht hat.“ Nun? Gänsehaut, oder? Neben mir hat eine echte Kultusministerin bei einer Diskussion ihre Definition gegeben: „Bildung ist Erziehung zur Berufsfähigkeit.“ Prof. Gunter Dueck ist IBM Distinguished Engineer, bekannt durch seine Bücher und die lesenswerte Kolumne im Informatik Spektrum. Das komplette Interview kann man hier nachlesen.
Und genau da liegt unser Bildungsproblem, das man sicher nicht nur auf politischer Ebene lösen kann. Gerade die Förderung von Eliten trägt da überhaupt nicht zur Lösung bei. Studiengebühren ebensowenig.

1 comment:

stephane said...

Ich stimme voll zu. Tolles Artikel.
Ich denke, dass das Problem auch ist, dass man nicht mehr weisst, was an Wirtschaft und was an Gesellschaft gehoert. Bildung ist eine Sache der Gesellschaft, nicht nur der Wirtschaft, das haben viele vergessen.